Raimar Hötzel arbeitet seit 25 Jahren als Dozent an verschiedenen Schulen des DI (ehem. GVS) in Ravensburg (vorher Wilhelmsdorf). Er feierte das Jubiläum in der vergangenen Woche mit KollegInnen und SchülerInnen mit einem kleinen Grillfest in der Mittagspause.

Elke Schübert interviewte ihn zu diesem Anlass:
ES: Herr Hötzel, Sie arbeiten heute seit 25 Jahren als Dozent an den verschiedenen (Fach-)Schulen des Diakonischen Instituts für Soziale Berufe (vormals Gotthilf-Vöhringer-Schule). Man kann schon sagen, für viele ehemalige und aktuelle Schüler/innen sind sie eine „Institution“. Was hat Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind?
 
RH: Mein im Krieg beinamputierter Vater nahm mich regelmäßig mit zum Versehrtensport, wo ich zwischen kriegsversehrten Blinden, Schädel-Hirn-Verletzten, Amputierten, Querschnittsgelähmten, usw. schwimmen lernte. Ich staunte immer wieder, wie die Verwundeten mit ihrem Leben zurechtkamen. Eines meiner Schlüsselerlebnisse war, wie ein Armampuierter „mit links“ seine Schuhe band. Das waren für mich keine Behinderten, sondern Vorbilder von denen ich gelernt habe. Ich fand es immer spannend auszuprobieren, was andere konnten. Von anderen etwas zu lernen finde ich bis heute super. Auch, was ich von Menschen in schwierigen Lebenslagen lernen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
In meiner Jugend veranstaltete ich mit unserem Pfarrer regelmäßig Spiele und Gesprächsabende mit Jugendlichen in der Jugend-Arrest-Anstalt in Göppingen. Nach meinem Abi machte ich erstmal drei Monate Praktikum in der Psychiatrie. Mich hat immer interessiert, wie andere Leute empfinden und denken. Zunächst entschied ich mich für ein Theologiestudium in Tübingen. Dann studierte ich aber in Berlin Erziehungswissenschaften und jobbte nebenbei auf einer Trainingswohngruppe für Körperbehinderte im Ev. Johannesstift in Spandau. Die Leute hatten Körper- oder Schädel-Hirn-Verletzungen, Schlaganfälle, Zerebrale Schädigungen, Spastik, Multiple Sklerose, Sehbehinderungen, etc. Wir trainierten mit ihnen fürs selbständige Leben in einer eigenen Wohnung. Einige Studenten schrieben über dieses Projekt Diplomarbeiten. In mehrmonatigen Studienaufenthalten in den USA lernte ich Ed Roberts kennen, ein politischer Wegbereiter der Inklusion, der nur einen Finger bewegen konnte, aber die Welt veränderte. So kam ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Freie Universität Berlin und unterrichtete Allgemeine Sonderpädagogik. Ich untersuchte mit Studenten, wie barrierefrei die Uni war, während einige Kollegen über Behinderte im Nationalsozialismus forschten oder herausfanden, dass viele Organpräparate in medizinischen Instituten aus KZs stammten.
Aus familiären Gründen wechselte ich beruflich wieder nach Süddeutschland und leitete zunächst fünf Jahre in Loßburg/Schwarzwald eine Jugendhilfe-Einrichtung der Gustav-Werner-Stiftung. Das war zwar eine schwere Zeit, aber ich heiratete dort und wir bekamen einen Sohn, der mein größtes Freizeitvergnügen war. Später zogen wir als Familie nach Mainz, wo ich eine Einrichtung zur Frühförderung von Kindern leitete. Hier lernte ich, wie Kinder physio- und ergotherapeutisch, logopädisch und heilpädagogisch gefördert wurden. Da meine Frau gehörlose Eltern hat, haben wir uns natürlich damit befasst möglicherweise gehörlose Kinder zu bekommen. Es kam anders. Aber meine Frau arbeitete Jahrelang als Gebärdensprachdolmetscherin und begleitete gehörlose Berufstätige im Arbeitsleben.
Vor 25 Jahren kam ich als Dozent an die damalige Gotthilf-Vöhringer-Schule in Wilhelmsdorf.

ES: Sie machen die Arbeit immer noch mit großem Engagement. Was ist der Grund?

RH: Ich unterrichte leidenschaftlich gern und sehe meinen jetzigen Beruf als Berufung. In meinem Leben lernte ich viele Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen kennen. Ich habe großen Respekt davor, was Menschen in schwierigen Lebenslagen leisten

ES: Gibt es besondere Erlebnisse oder Highlights in Ihrer Tätigkeit an den Schulen?
 
RH: Besonders spannend waren für mich die Studienreisen, die wir früher regelmäßig durchgeführt haben. Mit einigen künftigen ArbeitserzieherInnen haben wir aus Arbeitsprojekten u.a. in Hamburg, Kärnten, Budapest, Barcelona, Sao Paolo, Kiew, Frankreich und Israel wertvolle Impulse in die Ausbildung eingebracht. Auf Augenhöhe unterwegs zu sein, genieße ich besonders. Jeder lernt von jedem. Und bundesweit immer wieder von Kollegen zu lernen, die sich seit ihrer Zeit bei uns weiterentwickelt haben, sind für mich die Highlights.

ES: Gibt es auch Dinge, die Ihnen in Ihrem Beruf nicht gefallen?

RH: Was mich traurig macht ist die geringe Akzeptanz der sozialen Berufsfelder, die schlechte Bezahlung und der finanzielle Druck auch in den diakonischen Einrichtungen. Leistungsträger unserer Gesellschaft sind nicht die Geschäftemacher und Vielverdiener. Als Leistungsträger in der Diakonie und im ganzen im sozialen Bereich bilden wir den Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Das ist mein Credo.

ES: Vielen Dank für das Gespräch.

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