Das Haller Tagblatt veröffentlichte Anfang Juli ein Interview mit Daniela Weis-Krebs. Frau Weis-Krebs arbeitet seit 2009 an der Altenpflegeschule Schwäbisch Hall und leitet sie seit dem 01.04.2019.
Sie spricht über Personalmangel, sexuelle Übergriffe auf Pflegekräfte und Demenz.
Warum sind Sie Altenpflegerin geworden?

Daniela Weis-Krebs: Ich wäre als Jugendliche nie von allein darauf gekommen, das als Beruf zu machen. Ich habe ein Praktikum absolviert. Ich merkte: Toll, genial, das ist mein Beruf.

Für viele Außenstehende ist der Beruf der Horror, bei dem man keine Scheu vor den Körpern anderer haben darf.

Wenn man sich allein die negativen Seiten anschaut, kann es der Horror sein. Wenn man aber erst mal drin ist und sieht, wie viel man zurückbekommt, ist es ein toller Beruf. Es ist ja auch ein Dienst an der Gesellschaft. Im ambulanten Bereich sitzen die alten Menschen häufig den ganzen Tag allein da. Dann kommt die Pflegekraft als einzige Person, die sie an diesem Tag sehen. Da bekommt man ganz viel zurück.

Ist es nicht frustrierend zu realisieren, dass man so wenig Zeit für die Pflege hat?

Das ist furchtbar frustrierend. Man hat immer das Gefühl, man müsste noch ein wenig bei dem Pflegebedürftigen bleiben. Im Hinterkopf weiß man: Du musst weiter.

Wie kann man darauf reagieren?

Man sollte schon gucken: Wie viel braucht derjenige zu Pflegende jetzt? Manche Menschen wollen gar nicht so lange gewaschen werden, weil ihnen das unangenehm ist und wollen lieber schnell versorgt werden.

Können Sie den Beruf weiterempfehlen?

Er hat Zukunft und man wird sicher nicht arbeitslos. Es ist ein sehr schöner Beruf. Für mich war es die beste Wahl. Man muss mit den Rahmenbedingungen klarkommen, wie  dem Zeitmangel bei  der Arbeit. Auch der Schichtdienst kann ein Problem sein. Anderseits: Es ist ein gutes Gefühl, einen sinnvollen Beruf zu haben, für Menschen da zu sein.

Herrscht in Deutschland Pflegenotstand?

Ich würde sagen: Es  herrscht Pflegenotstand. Die Zahl der Fachkräfte reicht nicht aus. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, die Zahl der Auszubildenden steigt zwar auch ganz leicht, was aber längst nicht ausreicht. Was viele nicht wissen: Bundesweit wird die Hälfte aller Pflegebedürftigen von den Angehörigen versorgt und nur je ein Viertel ambulant oder stationär.

Was bedeutet das?

Die Angehörigen sind die größte Gruppe der Pflegenden und das, ohne professionelle Pflegekräfte zu sein. Die haben ja eigene Familien, müssen arbeiten gehen, haben ihr soziales Leben. Aber die müssen das machen, da ja nicht genug professionelles Pflegepersonal da ist. Viele sind einer riesigen Belastung ausgesetzt. Einige nehmen aber keine Hilfe an, vielleicht, weil sie das als Eingeständnis der eigenen Schwäche sehen. Ein Heimplatz kann teuer sein. Das ist für den ein oder anderen schwer zu finanzieren.

Und was kann man ändern?

Die Rahmenbedingungen – wie der demografische Wandel – lassen sich nicht so leicht ändern. Das Gehalt könnte zum Beispiel besser sein. In der Ausbildung ist es vergleichsweise hoch. Später kann man von dem Einkommen nicht als Alleinverdiener eine Familie ernähren. Es sind grob gesagt im Bundesdurchschnitt 2500 Euro brutto. Das ist zu wenig: Man hat eine große Verantwortung für Leib und Leben.

Im ARD-Tatort am 19. Mai ging es um sexuelle Übergriffe auf das Pflegepersonal. Erlebt man das?

Ja, das kommt vor. Menschen mit Demenz zum Beispiel können das oft gar nicht mehr einschätzen. Der klopft dann mal auf den Po der Pflegekraft. Das soll nicht sein. Wir haben Unterrichtseinheiten dazu. Man muss das Nein deutlich rausstellen. Wenn sexuelle Belästigungen weitergehen, muss man über Vorgesetzte das Problem lösen. Eine 16-jährige Auszubildende kann das mehr verunsichern, als eine erfahrene Pflegekraft. Über den Vorgesetzten und Dienstplanänderungen muss man da eingreifen.

Haben Sie damit selbst Erfahrungen?

Das hat mich selbst betroffen, als ich in meinem ersten Praktikum war. Es begann mit verbalen Anzüglichkeiten bis hin zu „zufälligen“ Berührungen der Brust und des Intimbereichs bei der Körperpflege. Ich konnte mich noch nicht klar positionieren, deshalb versuchte ich zunächst, das zu ignorieren. Nach einer Weile sprach ich mit meiner Vorgesetzten darüber. Es stellte sich heraus, dass das nicht nur mir passierte bei diesem Pflegebedürftigen. In der Folge wurde darauf geachtet, dass der ältere Herr hauptsächlich von Männern versorgt wurde. Außerdem erhielten wir eine Fortbildung, die das Thema sexuelle Belästigung sehr differenziert vermittelte. Das war sehr hilfreich.

Wie groß ist die Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe Schwäbisch Hall des Diakonischen Instituts für Soziale Berufe im Teurershof, die sie leiten?

Wir haben zurzeit 75 Auszubildende. Wir haben immer drei Kurse, also einen pro Jahrgang. Im ersten Jahr sind die Altenpflegehelfer mit dabei. Das kann man bereits mit einem Hauptschulabschluss machen. Für die dreijährige Ausbildung benötigt man eine mittlere Reife oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Dazu gehört auch der Abschluss der Altenpflegehilfe. Die Kurse sind voll. In diesem Jahr machen 28 Auszubildende ihr Examen.

Wie ist Ihre Schule aufgebaut?

Das Diakonische Institut für Soziale Berufe ist seit 2006 der Träger. Das ist ein Unternehmen innerhalb des Diakonischen Werks. Einst waren wir am Pflegestift Teurershof direkt angegliedert. Mittlerweile sind wir beim Diakonischen Institut und das Pflegestift gehört zum Altenhilfeträger Dienste für Menschen. Wir sind in einem kleinen Flachbau auf dem Gelände untergebracht.

Die Altenpflege geht auf Veränderungen ein?

Demenz ist ein ganz großes Thema bei uns. Man muss sich einfühlen können, empathisch sein. Man muss Situationen entschärfen können. Dazu gibt es eine tolle Methode, die heißt Validation.

Wie geht das?

Das kommt von valide – für gültig erklären. Es geht darum, das Gefühl und den Antrieb des Menschen mit Demenz zu erkennen und ihm zu signalisieren, dass man es versteht.

Geben Sie mal ein Beispiel?

Wenn jemand zum Beispiel wütend ist, dann ignoriere ich das nicht, sondern ich sage ihm: „Mensch, Sie sind aber heute mal sauer.“ Das nimmt dem Ganzen den Druck. Denn der Mensch mit Demenz erkennt: Endlich nimmt hier mal jemand wahr, dass ich sauer bin und lenkt mich nicht mit Nichtigkeiten davon ab, indem er mir erklärt, das Wetter sei so schön. Für einen Menschen mit Demenz ist es nicht möglich zu erklären, warum er gerade so ist. Er haut es raus: Es kann Trauer, Wut oder Ähnliches sein.

Wo wollen Sie später einmal alt werden?

Natürlich zu Hause. Aber anderseits: Ich habe vier Töchter, die älteste ist Krankenschwester. Die sagen: „Mom, wenn du alt bist, dann schauen wir schon nach dir.“ Aber eigentlich will ich das ja nicht, dass die ihr Leben darauf ausrichten, mich zu pflegen. Ich habe gesagt: Bis dahin finde ich sicher ein Heim, in dem ich gut leben will.

Haben Sie noch keins gefunden?

Ich komme viel rum, da ich die Auszubildenden besuche. Da wäre das ein oder andere dabei, in dem ich leben wollte. Es gibt schon Unterschiede zwischen den Einrichtungen, die sind  aber nicht so groß wie noch vor 20 Jahren.

Ersetzen die Pflegeroboter bald die Fachkräfte und wird damit am Ende Ihre Pflegeschule auch überflüssig und dichtgemacht?

(lacht lange und laut)  Das gefällt mir. Pflegeroboter. Die Akzeptanz dafür ist nicht sehr hoch. Es ist eine Maschine und  viele haben sicher  ein Problem, sich von einem Roboter waschen zu lassen. Beim Aufrichten von Menschen wäre es hilfreich. Es gibt ja heute schon Lifter. Der Mensch soll den Menschen pflegen. Angesichts  des  demografischen Wandels frage ich mich aber, wo die benötigten Pflegekräfte herkommen sollen.

Daniela Weis-Krebs wurde 1969 in Stollberg im Erzgebirge geboren. 1992 zog sie nach Unterfranken. Mit ihrem Ehemann hat sie vier Kinder und war daher „sehr gut beschäftigt“. Sie wurde Pflegehelferin im stationären Bereich, startete im Alter von 30 Jahren ihre Ausbildung zur Altenpflegerin. Danach hat sie als Praxisanleiterin in einem ambulanten Dienst gearbeitet. Sie absolvierte die Weiterbildung zur Praxisanleiterin und 2007 die Weiterbildung zur Lehrerin für Pflegeberufe. 2019 übernahm sie die Leitung der Schule als Nachfolgerin von Herbert Weik. Sie wohnt unter der Woche in Hall, fährt am Wochenende nach Unterfranken. In ihrer Freizeit liest sie viel. Derzeit absolviert sie ein Studium „Medizinalfachberufe mit Schwerpunkt Gesundheitspädagogik“.
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